Enno Ahrens

Epiklord

Oh, ihr Unverbesserlichen

ich erinnere mich noch an die
Blütezeiten in unserem heiligen Schrein,
wo sich unsere Menschenwürde dem
Sollzustand annäherte, während ihr
Ist-Zustand unwürdig erschien,
außerhalb von uns,
fiel sie dann dem Streckenabschnitt
in der Ukraine zum Opfer; dort hatte ich
das Warnschild aufgestellt mit
der Aufschrift „Gefahrenstelle“,

dort war sie zwischen die Fronten geraten,
auf den Streifen der verlorenen Werte,
zwischen Moralhasenmörder
und Jägerallee, wurde geschlagen, ans
Autobahnkreuz führte kein Weg vorbei.

Auffahrt und Abfahrt in dunkle Gründe,
in sich überschneidende Sonnenaufgänge,
matt- und plattgefahren, ohne Aussicht
auf gesellschaftliche Auferstehung;

ausgemustert liegt sie neben der
Spur, eine gebrochene Seelenachse,
standhaft den Winker raus,
auf dem Weg zurück.

Wenn ...

man Markus ADHS unterstellt,
er mit der Therapeutin
in Mini und Busen dick,
nicht hatte rechnen können,

und Mütter Lichter
entzünden auf den Gräbern
ihrer jungen Helden, die eben
noch ausgeschwärmt waren,
(so kam es ihnen vor) Kinder,
in die nahen Wälder,
im Spiel Fahnen eroberten
und gegnerische Burgen,
sich metzelten im Spaß,

wenn wir auf der Suche nach
außerirdischer Erkenntnis
immer nur uns selbst begegnen,

wenn wir das Gras wachsen hören,
in Gedanken durch Wände gehen,
Strickleitern von DNA erklimmen,
in Sternenhaufen die berühmte
Nadel suchen und den Faden,
welcher alles zusammenhält,
uns immer nur in uns selbst
verstricken, ratlos auf dem Klo
sitzen, auf Erleichterung 
hoffen, 

wenn Markus, egal, wie auch 
immer und auch wir...
 was dann?




Mensch Tier
1
Als Sternenstaub,
gefallen aus
der Unendlichkeit,
gestrandet
hier, endlich,
sagt sich der Leuchtkäfer,
glutvoll Erfüllung finden,
zündet sein Licht an;
Glühwürmchenhoffnung;
so segelt er durch liebliche Nacht,
aus luftiger Traumperspektive
ein böses Erwachen:
seine Eva war nackt und kroch herum,
bodenständig,
ein Schneckerl, dem Genuss auf
schleimiger Spur.
2
Die junge Biene flog von Nektarquelle zu
Nektarquelle, frohlockte:
“Das Leben ist süß.”
Ein Bienenfresser-Vogel packte sie, beförderte sie zu
seinem Ansitz, knetete sie durch, mundgerecht, und
quetschte das Gift aus dem Stachel.
Da wusste die Biene, was ihre Mutter gemeint hatte,
als sie die Warnung aussprach:
“Das Leben ist kein Zuckerschlecken.”
3
Ich erkannte den Schmerz.
Von unten aus festverbauter Fresspyramide
gesehen, wurde der Koala, welcher nicht mehr ist,
vom Eukalyptus getötet, der nicht mehr war;
der Wolf ohne Lamm, Reh und Mäuschen,
sei ein Nichts, klagte der Himmel.


4
Seine Frau besuchte ihn täglich auf dem Friedhof.
Ich sagte, es sei nicht nur seine Asche durch den Rost
gefallen, sondern ebenso alles, was ihr an ihn erinnerte,
seine besondere Art, das Ich, dessen Träume, von
denen er ihr erzählt hatte. Sie könne auch zu Hause
bleiben; hier auf dem Friedhof würde
sie ihm nicht begegnen.
5
Und über mir Verwesungsgeruch,
als du mir dein Senkblei zuwarfst,
meine Seele auszuloten.
Die Hoffnung, einst frisch und grün,
war welk geworden;
ich wässere sie beim Beten
im Morgentau.
6
Hier draußen
bin ich ein Lauscher,
beim Nachtkonzert
der Grillen und
Schlagen der Nachtigallen,
dem Röhren der Hirsche.
In der Stadt spiele ich
die erste Geige,
lass mein Auto röhren;
in seinem Licht lichtet
sich das Zirpen,
die Nachtvögel geraten
aus dem Takt.
7
Im Geisterdorf ist
ihr Geschrei verstummt,
keine Kinderhand entzündet
sich mehr an den Nesseln;
am Saum der Gärten stehen



sie verschlafen,
die Häuser nur noch leere
fruchtlose Hülsen, vereinzelt
bewohnt von Alten, gefallen
wie aus einer längst
vergangenen Zeit.
Ein Greis döst in seinem
Lehnstuhl, unwirklich
wie ein Rauchermännchen,
verschwindet einen kurzen
Moment in dem Qualmwirbel
wie in einem schwarzen Loch;
einzig die Ente im
verwilderten Fischteich
zeigt sich befindlich,
beim Eintauchen
den Bürzel aufwärts.
8
I schau, davorn
haben sich zwei
von euch >>>>>>X
Uns fehlt:
ABCD_FG
HIJKLMN
OPQR_TU
VW_YZ.
9
Ich übergebe mich,
draußen bei den Föhren,
unweit vom Quantenmeer,
dem schwankenden Sturm
der Neuronen,
setze meine Schaumkrone ab,
verschwimme im Strom
der Gezeiten.